2009-11-22 Stellungnahme des BI-Vorstands zum Brief des AKI e.V.

Stadträte der Stadt

Halle (Saale)

22. November 2009

Stellungnahme des Vorstands der BI Rathausseite e.V. zum Brief des AKI e.V.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Erstaunen haben wir das Schreiben des Arbeitskreises Innenstadt e.V. (AKI) vom 9.10.2009 an die Stadträte zur Kenntnis genommen. Das umso mehr, da wir die bisherige Arbeit des AKI sehr schätzen und sich die BI Rathausseite e.V. dem Erhalt historischer Bausubstanz nie verschlossen hat. Wiederaufbau zerstörter historischer Gebäude einerseits und Erhalt bzw. Sanierung derartiger Gebäude andererseits sind keine Gegensätze, sondern stellen eine Einheit dar und können im Interesse der Stadt und ihrer Bürger zu Synergieeffekten führen. Ganz abgesehen davon, dass die demokratischen Gepflogenheiten ein vielfältiges Engagement der Bürger ermöglichen, dem man zumindest mit einer gewissen Toleranz begegnen sollte. Schließlich geht es um das Wohl der Stadt und um viele Generationen ihrer künftigen Bewohner.

Aus dieser Verantwortung sehen wir uns genötigt, vorerst zumindest einige der ablehnenden Argumente des AKI zu kommentieren.

Zunächst ist davon auszugehen, dass ein Teil der Denkmalpfleger und Architekten – vor allem in Deutschland – zu allen Zeiten und an allen Orten gegen die Rekonstruktion im Krieg oder durch Naturkatastrophen zerstörter Gebäude aufgetreten ist und sich dabei ähnlicher Argumente bediente, wie sie auch der AKI verwendet. Viele attraktive und auch dem Tourismus erschlossene Gebäude existierten heute nicht, wenn man diesen Stimmen und Argumenten gefolgt wäre. Ebenso klar ist aber auch, dass die Entwicklung in Ost und West, in Nord und Süd, im In- und Ausland zum Glück in eine ganz andere Richtung gegangen ist und die Argumente der Ablehnung (z.B. Geschichtsklitterung) durch die Realität des Lebens längst widerlegt sind. Durch die Fähigkeit der Architekten und Baufachleute, durch ihr Wissen und Können sind vernichtete Gebäude weltweit wieder erstanden und der Menschheit zurückgegeben, die heute als Meisterleistung der Rekonstruktion bezeichnet werden, inzwischen sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Niemand spricht dort von Geschichtsklitterung oder von Fälschung, sondern man bekennt sich mit Stolz zu dem Neugeschaffenen. So wäre es auch mit der Rekonstruktion des Alten Rathauses. Es ist unverständlich, wieso der Wiederaufbau eine Geschichtsklitterung sei, die die politische und städtebauliche Entwicklung der letzten 60 Jahre negiere. Ein Wiederaufbau würde doch nur den Zustand wiederherstellen, der ohnehin gegeben wäre, wenn das Rathaus nicht zerstört worden wäre, sondern den Marktplatz wie Jahrhunderte davor auch in den letzten 60 Jahren geziert hätte. Wieso ein Wiederaufbau die politische und städtebauliche Entwicklung der letzten 60 Jahre negiere, bleibt also ein Rätsel, zumal die Baulücke vor dem Ratshof seit 60 Jahren besteht.

Sicher folgen wir nicht der Argumentation mancher Denkmalpfleger, wonach der Zeugniswert eines Gebäudes durch das Alter und die Anzahl alter Steine bestimmt wird. Entscheidend ist u. E. das Bild, die Ausstrahlung, die Identifikation der Bürger mit dem Gebäude, seine Prägung des Stadtbildes. Uns geht es um die Rekonstruktion des Rathauses in Form eines Neubaus auf historischen Fundamenten bzw. Grund und  Boden, wobei die Dokumentation, die Kompetenz und das Können der Fachleute vom Bau garantieren, dass ein wieder erstandenes Rathaus mit Sicherheit eine weitere Attraktion und ein Glanzpunkt des Marktes werden würde und damit die östliche Platzwand des Denkmalbereiches Marktplatz endlich geschlossen wäre. Dabei sind Epochenvielfalt und unterschiedliche Baustile des Rathauses kein Argument gegen den Wiederaufbau, sondern aufgrund dessen geradezu eine Besonderheit für die Rekonstruktion und eine Herausforderung für die Baufachleute, deren Fähigkeit offensichtlich unterschätzt wird!

Das Argument, dass durch den Bau des Rathauses das Ratshof-Gebäude mit dem Hauptsitz der Stadtverwaltung verdeckt und in die „zweite Reihe“ gesetzt würde, ist so grotesk, dass man es lieber nicht zu Ende denken sollte, denn dann müsste man wohl jenen danken, die das teilzerstörte Rathaus haben abreißen lassen. Nein, das Rathaus würde als repräsentatives Gebäude der Stadt wieder den Teil des Marktes würdevoll begrenzen, wo es Jahrhunderte stand. Das Ratshof-Gebäude bleibt für jedermann sichtbar. Die Arbeit jeder Stadtverwaltung wird nicht durch die „Reihe“ der Gebäude, sondern durch die Qualität bestimmt. Der sich bietende Raum zwischen dem Rathaus und dem Ratshof-Gebäude würde auch wieder als idyllischer und attraktiver Ruhepunkt im Zentrum der Stadt oder auch als mögliche Ausstellungsfläche bei besonderen Anlässen zur Verfügung stehen. Der Ratshof wäre wieder das, was Ältere aus der Vergangenheit kennen und was heute nur noch als Name am Gebäude steht! Repräsentative Veranstaltungen der Stadt wären hier wie auch im Rathaus selbst möglich, was natürlich auch für Verwaltungsaufgaben gilt.

Wir sind Realisten hinsichtlich der Finanzierung des nur langfristig realisierbaren Objektes und haben diesbezüglich gegenüber der Stadt keinerlei finanzielle Forderungen. Unsere Bemühungen um die Gewinnung finanzieller Mittel hängen jedoch maßgeblich davon ab, welche grundsätzliche Position die Stadt vertritt. Deshalb bitten wir Sie sehr, unsere Überlegungen und Argumente, die den Interessen und Vorstellungen tausender Bürger entsprechen, bei Ihrem Votum zu einem Grundsatzbeschluss zu berücksichtigen. Einstellungen, Ansichten und Meinungen ändern sich im Laufe der Zeit. Eine mehr akademisch geführte Diskussion hilft hier nicht weiter. Der Wiederaufbau nach Kriegen und Katastrophen war in der Geschichte der Menschheit immer ein selbstverständliches Anliegen. Alle Erfahrungen auch der jüngsten Zeit lassen erkennen, dass durch einen offenen, undogmatischen und unverkrampften Umgang mit dem in der deutschen Denkmalpflege umstrittenen Thema Rekonstruktion Ergebnisse erzielt wurden, die weltweit Anerkennung gefunden haben. Warum soll das z.B. nur in Dresden möglich sein, warum nicht auch in Halle? Jetzt haben wir die historische Chance, dem Herzstück der Stadt, dem Marktplatz, für die nächsten Generationen das Gebäude zurückzugeben, das Jahrhunderte diesen Platz geziert hat. Dieser Bau schließt auch den Bogen zwischen Vergangenheit und Zukunft, denn Bauen hat mit Zukunft zu tun. Insbesondere junge Bürger als Zukunftsträger haben ein undogmatisches Verhältnis zu Rekonstruktionen. Das bestätigten auch Umfragen in Leipzig und Berlin.

Es wäre ein Imagegewinn für Halle und seine Bürger, wenn man sich nicht in architektur-ideologischen Auseinandersetzungen verlöre, sondern statt dessen beherzt wertvolle Bausubstanz erhält, sich Stadtbild prägenden Rekonstruktionen nicht verschließt und bei aller Notwendigkeit der Lösung von Tagesaufgaben Entschlussfreudigkeit und Verantwortung auch hinsichtlich solcher Entscheidungen zeigt, die das künftige Bild der Halles als Stadt der Wissenschaft und Kultur prägen.   

Mit freundlichen Grüßen

 

BI Rathausseite e.V.

Der Vorstand