2002-06-14 - Zehn Thesen zum Wiederaufbau des Alten Rathauses und der Waage an der Ostseite des Marktplatzes von Halle

Dr. iur. Michael Kilian
Professor für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht
an der Juristischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg
Richter am LVG Sachsen-Anhalt a.D. 

Professor sein bedeutet, sich zu etwas bekennen zu können, in manchen Fällen auch bekennen zu müssen. Also bekenne ich folgende:

ZEHN THESEN ZUM WIEDERAUFBAU DES ALTEN RATHAUSES UND DER WAAGE AN DER OSTSEITE DES MARKTPLATZES VON HALLE

  1. Die rekonstruierende Bebauung der Nord-Ost-Ecke bietet - für lange Zeit - die letzte Gelegenheit für die Wiederherstellung einer historisch intakten Kulturstadt Halle an dieser Stelle.

    a) Halle gehört zu den ganz wenigen im Krieg kaum oder nur punktuell, wie im Bahnhofsviertel, zerstörten deutschen Großstädten. Gerade dieser Stadt mit ihrem reichen Altbauerbe würde es gut anstehen, das, was fehlt, stellvertretend für andere völlig zerstörte Großstädte wieder aufzubauen. Warum soll der zeitbedingte Zufallsabriß von Rathaus und Alter Waage historisch unumkehrbar sein?

    b) Keine mir bekannte deutsche Großstadt (und kaum eine ausländische Großstadt) gewönne mit dem Wiederaufbau einen architektonisch und historisch derart reich bestückten Marktplatz, von der Renaissance bis zur Moderne.

    c) Ausgerechnet an der verwaisten Nord-Ost-Ecke anstelle der historischen Bausubstanz einen Kaufhaus-Neubau vorzusehen, wäre ein weiteres negatives Beispiel eines verfehlten Umgangs mit der Denkmalsvergangenheit einer deutschen Stadt. Die Reue würde folgen.

  2. Halle ist es wert, um unersetzliche Bauten (wieder-)ergänzt zu werden.

    a) Mein erster bleibender Eindruck von Halle war, als ich vor genau zehn Jahren hierher kam: eine glücklich bewahrte, großartige Urbanität, wenngleich beschädigt und zu retten. Diese Chance wurde im wesentlichen genutzt. Mein nächster Gedanke war aber auch: es fehlen noch das Alte Rathaus und die Waage, dann wäre die Stadt wieder ein – weitgehend – komplettes Gesamtkunstwerk: ein überaus reizvolles Ensemble historisch gewachsener Gebäude von besonderem Kunst- und Stimmungswert.

    b) Ich wuchs in einer fast komplett zerstörten, dann vollständig rekonstruierten Stadt auf (Freudenstadt im Schwarzwald, Festungsstadt der Renaissance mit dem größten Marktplatz Westdeutschlands) und kannte die Argumente pro und contra einer Rekonstruktion hinreichend (Freudenstadt wurde ab 1952 vollständig in alter Form rekonstruiert – einschließlich des riesigen Arkaden-Marktplatzes).

    c) In den vergangenen Wochen erfuhr ich verblüfft, daß Bürgerbewegungen und Parteien im Überschwang der historischen Stunden der Jahre 1989 und 1990 einhellig für die vollständige Rekonstruktion dieser Gebäude eingetreten waren. Warum ist dies heute nicht mehr der Fall, wo es darauf ankäme? Verschläft Halle so die in anderen Städten längst im Gange befindliche Bürgerbewegung einer Rekonstruktion verlorener Stadt-Denkmale?

  3. Eine gelungene Rekonstruktion ist immer auch ein Wirtschaftsfaktor.

    a) Eine Rekonstruktion versöhnt nicht nur geschichtsbewußte Bürger mit ihrer Stadt, sondern hat fast immer auch einen wirtschaftlichen Gewinn zur Folge. Es ist bemerkenswert, daß man in Deutschland immer wieder darauf hinweisen muß.

    b) Eine Rekonstruktion im Krieg und durch einen vorschnellen Abriß verloren gegangener historischer Gebäude wie dem Alten Rathaus und der Waage wäre das beste Stadtmarketing, das sich denken ließe. 
    Der Kunst- und Vorzeigewert einer Stadt spielt darüber hinaus auch bei Entscheidungen des internationalen Management wie der Standortwahl für künftige Betriebsstätten eine Rolle.

    c) Was die Rekonstruktion kosten würde, wäre in wenigen Jahren durch ein erhöhtes Tourismusaufkommen wieder ersetzt, wie zahlreiche Beispiele anderer Städte belegen.
    Wegen eines solchen weiteren Kaufhausbaus, der an jeder anderen Stelle seine Berechtigung hätte, würde (um nun einmal ökonomische Argumente zu gebrauchen) kein einziger Tourist den Weg nach Halle finden. Kaufhäuser finden Amerikaner und Japaner auch bei sich zu hause, historische Bausubstanz dagegen nicht. Es gibt in der Innenstadt andere Baulücken genug, bei deren Auffüllung kein historischer Erinnerungswert auf ewig zerstört würde und die ebenfalls eine gewerbegünstige Lage böten. 

  4. Rekonstruktion ja oder nein ist stets eine Frage der inneren Einstellung zur Stadt, zu ihrer Geschichte wie zu ihrer Gegenwart.

    a) Was weg ist, ist eben weg, ist eine tabula rasa-Mentalität, die leider typisch deutsch ist, die meisten unserer westdeutschen wiederaufgebauten Städte aber zu den langweiligsten in Europa gemacht hat. Dies entnahm ich meiner Presselektüre über Stimmen aus Großbritannien oder aus Österreich, die dieser Auffassung sind, aber auch der Lektüre deutscher Pressestimmen wie jüngst Bartetzky in der FAZ vom 5. 6. 2002, S. 58: „... Während im Westen die Modernisierungswut des Wirtschaftswunders und die Fußgängerzonenbegeisterung der siebziger Jahre aus den Städten den letzten Hauch einstiger Anmut und gewachsener Urbanität verbannten, blieben im Osten die alten Plätze und Straßenzüge oft unangetastet ...“. Wir machen in Halle alte Fehler von gestern nach – und verspielen so in den neuen Ländern einen durch den Westen uneinholbaren Standortfaktor!

    b) So lieblos, wie wir mit unseren Städten umgehen (vgl. etwa das endlose und allgegenwärtige Sprayer-Geschmiere, das man in dieser Intensität nur in Deutschland findet – nicht etwa in Österreich - das vom Tourismus – gut! – lebt), genauso lieblos gehen wir auch mit unserem demokratischen Gemeinwesen um. Für eine Bürgergesellschaft ohne Ressentiments wäre der Wiederaufbau des Alten Rathauses keiner Debatte wert, man würde es einfach tun und anpacken. 

  5. Gerade eine Rekonstruktion trägt zur Identitätsbildung und zum Selbstbewußtsein einer Stadt bei, wie viele Beispiele zeigen.

    a) Sachsen-Anhalt, ein Land mit geringem eigenem Identitätsbewußtsein, bekennt sich in seiner demokratischen Landesverfassung vom 16. Juli 1992 zum Kulturstaat: „Kunst und Kultur sind durch das Land u n d d i e K o m m u n e n zu schützen und zu fördern“ (Artikel 36 Absatz 1 LV-LSA), „Die heimatbezogenen Einrichtungen und Eigenheiten der einzelnen Regionen innerhalb des Landes sind zu pflegen“ (Absatz 2), schließlich: „Das Land sorgt, unterstützt von den K o m m u n e n, für den Schutz und die Pflege der Denkmale von Kultur und Natur“ (Absatz 4). 

    b) Wer sagt, daß hierzu nicht auch verloren gegangene Denkmale gehören, sofern irgendeine Chance besteht, diese – wie in unserem Falle am nordöstlichen Marktplatz – eines Tages wieder erstehen zu lassen? Verfassungsrecht ist gelebtes Recht, es hat auch auf die Zukunft zu verweisen – oder es ist totes Recht.

    c) Die Gemeinde ist „Grundlage und Glied des demokratischen Staates“ (§ 1 Abs. 1 Satz 1 der Gemeindeordnung). Aufgabe und Ziel der Gemeinde ist es, „das Wohl ihrer Einwohner zu fördern“ (§ 1 Abs. 1 Satz 2 der Gemeindeordnung). Hierzu gehört nicht einseitig nur das wirtschaftliche Wohl, sondern auch das soziale Wohl, die Identität, und sei es in ästhetischer Gestalt: dem Sich-Freuen am Schönen, an der Vergangenheit – mit dem Nutzen für die Gegenwart und Zukunft. 

  6. Das Selbstverständnis in der Rekonstruktionsfrage wendet sich auch in Deutschland.

    a) Das Umschwenken der öffentlichen Meinung zugunsten von Rekonstruktionen nach einem lange andauernden fach-öffentlichen Diktat gegen Rekonstruktionen (insbes. leider auch vieler Denkmalschützer) hat in vielen Städten längst eingesetzt. Ein Beginn im Westen war Hildesheims Marktplatz, heute geht es um Potsdam, Berlin, Leipzig, Dresden. Halle stünde nicht am Beginn, sondern inmitten eines längst begonnenen und längst fälligen Um- und Neudenkens in dieser uns alle als Bürger angehenden Frage. 

    b) Vor unseren Augen stehen zahlreiche deutsche Städte, deren Seele durch Krieg und Abriß – auch durch verfehlten Neubau - endgültig und unwiederbringlich genommen wurde (ich nenne sie aus Pietät nicht: um niemandem weh zu tun). Halle hätte mit der Rekonstruktion weniger, schmerzhaft fehlender Gebäude die große, fast einmalige Chance, diese seine Seele wieder zu gewinnen, und damit für die Zukunft für kommende Generationen zu bewahren. Noch jede Stadt hat in späterer Zeit ihren versäumten Chancen nachgetrauert (man denke an das verschwundene Braunschweiger Stadt-Schloß).

    c) Den billigen Vorwurf, ein „Ewig-Gestriger“ (oder noch Schlimmeres) zu sein - den es in dieser denunziatorischen Form nur bei der Rekonstruktionsdebatte in Deutschland gibt - hat der Nobelpreisträger Professor Günter Blobel in Halle vor wenigen Tagen erfreulich entschieden und überzeugend zurückgewiesen. Ich scheue als Staatsrechtler diesen Vorwurf einer seltsam verqueren political correctness ebenfalls nicht, denn er geht zu sehr an der Sache vorbei.

  7. Halle findet sein größtes Kapital in seinen unverwechselbaren Bauten.

    a) Nach zwei wenig gelungenen Marktplatz-Ergänzungen (dem Kaufhausneubau anstelle des wertvollen Kinderkaufhauses aus der Bauhaus-Tradition und dem Banken-Eck) droht nunmehr ein drittes Mißlingen, diesmal aber an einem einmaligen historischen Ort.

    b) Neben seinen Menschen ist die historische Bausubstanz unser einziges Kapital in Halle, über das wir noch verfügen. Jede Stadt braucht etwas, womit sie sich identifizieren kann: die Frauenkirche, den Magdeburger Dom, das Bauhaus in Dessau. Halle hat zahlreiche Denkmale, in seinem Kern jedoch, am Marktplatz, ist es verarmt und beklagt eine schmerzvolle Lücke. 

    c) Wie es ein Weltkulturerbe gibt, das von der UNESCO (oft gegen vielfachen Unverstand) bewahrt wird, so gibt es auch ein Stadt-Kulturerbe. Insbesondere Halle hat ein vielfach beklagtes Identitätsdefizit. Identität wird aber nirgends so sehr manifest wie an Gebäuden, sehr oft an verlorenen Bauten (Freudenstadt, Hildesheim, Frauenkirche, Universitätskirche). Halle ist nicht Dresden, aber selbst in Dresden mußte sich die praktische Vernunft der Bürger erst durchsetzen. Sie hatte das Glück, daß weltberühmte, unabhängige und unvoreingenommene Künstler und Gelehrte sich für eine Rekonstruktion unzweideutig einsetzten. 

  8. Rekonstruktion bedeutet nicht unechten „Talmi-Flitter“, sondern Chance.

    a) Wäre dies der Fall, so wären z.B. Warschau und Danzig (aber auch z.B. Rothenburg ob der Tauber, das zu 40 % zerstört war!), unechte Kulissenstädte. Tatsächlich verwahren sie überaus eindrucksvoll das gesamteuropäisch-historische wie das polnische Denkmal- und Kulturerbe. So gesehen wurden diese überragenden Rekonstruktions-Leistungen nicht nur für Polen, sondern für uns alle als Europäer gebracht. Ähnliches gilt für das europäische Erbe der Frauenkirche und – hoffentlich – des Neumarkts in Dresden.
    b) Der deutsche Echtheits- und Authentizitäts-Wahn gleicht einer puristischen Prinzipienreiterei und überzeugt wenig als Gegenargument einer Rekonstruktion; Purismus gibt es als Gedankenspiel, nicht aber in der Lebenswirklichkeit. Im Ausland ist man sehr viel undogmatischer und pragmatischer – zu seinem Wohl. Vieles, was wir im Ausland bewundern, ist keineswegs „authentisch“, sondern im Laufe der Geschichte oft mehrmals rekonstruiert oder auch nachempfunden worden.

    c) Deutschland insgesamt ist wenig fähig, „weiche“ Wirtschaftsformen, wie z.B. Spielfilme, Unterhaltungsmusik, Mode, Touristik, savoir vivre, Geschmackskultur, zu entwickeln und wirtschaftlich erfolgreich zu exportieren, hier sind wir gegenüber Italien, Frankreich, ja Österreich scheinbar hoffnungslos im Hintertreffen. Diese mangelnde Geschmackskultur zeigt sich auch in der öffentlichen Ästhetik – und nicht zuletzt in der Rekonstruktionsdebatte. Andere Völker sind weiser – und gönnen sich das Schöne einfach (und leben auch noch gut davon). Die Deutschen suchen dieses sich Wohlfühlen folgerichtig im Ausland, etwa in pittoresken italienischen Altstädten oder in österreichischen Kaffeehäusern. Nachhause kehren wir zurück in die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ (Alexander Mitscherlich) und gar in die „Gemordete Stadt“ (Wolf Jobst Siedler) – nehmen dies als unveränderbar hin und finden uns anscheinend resigniert damit ab! Wir verdienen es wohl nicht besser. Zeigt sich irgendwo ein bißchen Urbanität, wird diese überdankbar angenommen (Leipziger Innenstadt, Dresdener Neustadt, einige Straßen in Halle).

    d) Die deutschen Bewunderer spanischer, französischer, italienischer, tschechischer oder österreichischer Innenstädte lassen sich in Deutschland mit kruder ökonomisierter Funktionalität oder einem schematischen „postmodernen“ Modernismus um seiner selbst willen abspeisen, auf Kosten der Ästhetik. Die genannten Länder sind selbst Kulturstaaten, eine Bezeichnung, dessen wir uns immer so gerne rühmen, sofern sie nichts kostet. Aber Mailands große Passage wäre unter ökonomischen Sachzwängen niemals gebaut worden - und der heutige Fremdenverkehr profitiert immer noch davon. Der Freudenstädter Wiederaufbau, der Frankfurter Römer oder der wunderschön rekonstruierte Hildesheimer Marktplatz waren höchst umstritten. Seit langem sind sie sämtlich angenommen, alle sind froh darüber: zuerst die Bevölkerung selbst, dann die meisten Experten, und jeder ist eigentlich dafür gewesen – hinterher. Ähnlich wird es auch in Dresden, Potsdam und in anderen Städten sein.

  9. Es gibt kein wirklich überzeugendes Argument gegen eine Rekonstruktion.

    a) Kaum eines der immer wieder gegen die Rekonstruktion von Altem Rathaus und Waage vorgebrachten Argumente überzeugt: die „gewohnte Größe“ des jetzigen Marktplatzes (seit wann ist eine willkürlich geschehene Platzgröße als Folge eines Krieges ein Argument?), die vielen weiteren, noch zu rettenden Altbauruinen (wann hätten sich in der Vergangenheit viele Stimmen zur Rettung manchen Barockhauses erhoben, das dann doch abgerissen wurde?), das „fehlende Geld“ von Halle (es gab ärmere Städte, etwa in Italien oder Polen, die mutiger waren), die anderen Einrichtungen, die man dafür bauen oder erhalten könnte (damit würde j e d e s erdenkliche Vorhaben von vorn herein beiseite geschoben, denn solche Notwendigkeiten wird es immer geben). Zuweilen beschleicht einen sogar der Gedanke, in Deutschland scheue man unbewußt (?) in einer Art Selbstbestrafung davor zurück, Vergangenes, gerade wenn es besonders schön gewesen ist, wieder zu beleben. Als ob die verlorenen Kulturdenkmale Schuld an den deutschen politischen Versäumnissen und Verbrechen auf sich geladen hätten. Verlust oder neue Häßlichkeit als historisch gerechte Strafe. 

    b) Die Gegenargumente greifen somit nicht: teils sind sie „Totschlagsargumente“, teils sind sie nicht nachvollziehbar, teils einfach nur vorgeschoben gegenüber einer fälligen ästhetischen Grundsatzentscheidung. Zeitgemäße Nutzungen sind auch in rekonstruierten Denkmalen stets möglich, nur Denkfaulheit sieht hier Hindernisse. Überdies hat die moderne Architektur in Halle ihre Orte und Chancen, auch ihre Triumphe, gehabt und wird sie haben. Kein vernunftbegabter Zeitgenosse würde dies leugnen: wir sind stolz über unseren in Europa einmaligen neu-alten Universitätscampus oder über das wunderschön eingepaßte neue Händel-Viertel mitten in der Altstadt.

  10. Jetzt gilt es, sich zu entscheiden und zu handeln, ehe es zu spät ist.

    Halle ist als Architektur-Gesamtkunstwerk in seiner Größenordnung fast einzigartig in Deutschland: Es ist fünf vor zwölf, den entscheidenden Schlußstein an diesem Gesamtkunstwerk zu setzen - zumindest aber den Stadtraum hierfür für künftige, geschichts- und kulturbewußtere Generationen freizuhalten! 
    Das bauliche Wiedererstehen der Gebäudegruppe könnte den dringlich benötigten Identifikationsschub für Halle als Stadt mit (unverdientem) „schlechten Ruf“ bewirken. Man sähe etwas täglich, wie es vor den eigenen Augen seiner Vollendung zu geht.

14.06.2002