2002.07.15 Brief des Nobelpreisträgers G. Blobel an den KAUFHOF-Vorstandsvorsitzenden L. Mandac

                                                                                          Howard Hughes Medical Institute

                                                                                          Research Laboratories

 

                                                                                          Günter Blobel, M.D., Ph.D.

                                                                                          Investigator

 New York, den 15.07.2002

 

Herrn

Lovro Mandac

Vorstandsvorsitzender

KAUFHOF Warenhaus AG Köln

Hauptverwaltung

Leonard-Tietz-Straße 1

50676 Köln

Germany - Deutschland

 

Halle an der Saale,

Kaufhof-Neubau an der Ostseite des Marktplatzes

 

Sehr geehrte Damen und Herren

des Vorstandes der KAUFHOF AG und der METRO AG,

anlässlich zahlreicher Gespräche mit führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft, die ich kürzlich in Deutschland führte, besuchte ich auch die Stadt Halle an der Saale. Auf Einladung einer Bürgerinitiative, die sich die Wiederherstellung der Ostseite des halleschen Marktplatzes und des Alten Rathauses zur Aufgabe gemacht hat, hielt ich an der dortigen Universität einen Vortrag über den Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche und anderer bedeutender Bauwerke.

 In vielen europäischen Städten gab und gibt es hierfür positive Beispiele. Erinnert sei an den Wiederaufbau der Altstädte von Warschau und Danzig unmittelbar nach dem Kriege, an die Wiederherstellung des Hildesheimer Marktplatzes mit dem Knochenhauer-Amtshaus in den 80er Jahren oder an die aktuellen Rekonstruktionsanstrengungen in Dresden (Frauenkirche, Neumarkt) und Potsdam (Fortunaportal des Stadtschlosses am Alten Markt, Stadtkanal, Garnisonkirche). Am 4. Juli 2002 hat sich schließlich auch das Parlament Ihres Landes, der Deutsche Bundestag, mit einer Dreiviertelmehrheit zur Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses bekannt.

Auch in der Stadt Halle, die den Zweiten Weltkrieg im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Grosstädten relativ unbeschadet überstanden hat, zeichnen sich in dieser Hinsicht positive Tendenzen ab, die ich mit größtem Interesse verfolge.

Der dortige Marktplatz mit seiner charakteristischen Fünf-Türme-Silhouette galt bis zu seiner teilweisen Zerstörung in den Jahren 1945 bis 1950 als einer der schönsten Plätze Deutschlands. Ein würdiges vis-à-vis fanden der Rote Turm und die viertürmige Marktkirche an der Ostseite des Platzes im Alten Rathaus, dessen Ursprünge in die Zeit der Gotik zurück reichen, und in dem nicht minder eindrucksvollen Renaissancebau der Ratswaage, die ab 1694 viele Jahrzehnte lang die ehrwürdige alma mater der Saalestadt beherbergte.

Beide Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wären jedoch mit einigem guten Willen durchaus instandsetzungsfähig gewesen. Leider haben es die politischen Verantwortungsträger in den ersten Nachkriegsjahren nicht verstanden, das gewaltige Identifikationspotential dieser Bauten für die Bürger der Stadt zu erkennen und statt dessen in den Jahren 1948 und 1950 den Abbruch von Rathaus und Ratswaage veranlasst.

Gleichwohl ist die Erinnerung an diese einzigartigen Zeugnisse mitteldeutscher Baukultur – mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Zerstörung – noch immer lebendig. Während meines Besuches konnte ich mich davon überzeugen, dass sich viele Hallenserinnen und Hallenser eine Wiederherstellung von Rathaus und Ratswaage wünschen und auch bei wichtigen Vertretern der Kommunalpolitik bereits ein Umdenken eingesetzt hat.

Infolge wirtschaftlicher Strukturveränderungen in den zurückliegenden Jahren befinden sich Städte und Gemeinden in den neuen Bundesländern bekanntlich in einer ausgesprochen schwierigen Situation, die ihren sichtbaren Ausdruck u. a. in einer stetig sinkenden Bevölkerungszahl findet. Dieses gilt nach dem Wegfall großer Industriebetriebe in besonderem Masse für die Stadt Halle, die sich daher verstärkt der „weichen“ Standortfaktoren – Bildung, Kultur und Tourismus – annehmen muss und dieses, so mein Eindruck vor Ort, auch zu tun beabsichtigt. Eine herausragende Bedeutung kommt dabei der Erhaltung und Wiederherstellung eines intakten Stadtbildes zu.

Dieser für die ökonomische Konsolidierung der Stadt Halle und ihres Umlandes außerordentlich begrüßenswerten Entwicklung steht einstweilen ein den historischen Marktplatz in Teilen zerstörendes Kaufhaus-Projekt der KAUFHOF-Warenhaus-AG entgegen. Die den städtebaulichen Maßstab des Platzes sprengende „bunkerähnliche“ Architektur, für die der Volksmund in Anspielung auf den Entwerfer bereits den Namen „Kister-Kiste“ gefunden hat, wird von tausenden Bürgerinnen und Bürgern der Stadt abgelehnt, die dieses auch im Rahmen von Unterschriftenaktionen bekundet haben.

Nach Betrachtung der (wenigen) veröffentlichten Pläne zu diesem Bauvorhaben kann ich mich dieser Meinung nur in vollem Umfang anschließen. Ich erlaube mir, mit der Bitte und mit der Mahnung an Sie heran zu treten, auf eine solche – dem Renommee und damit dem dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg Ihres Unternehmens sicher nicht zuträgliche – Bebauung eines der geschichtsträchtigsten Grundstücke der Stadt Halle zu verzichten.

Wie ich auch in einem Interview mit dem Mitteldeutschen Rundfunk deutlich gemacht habe, ist mir die Standortwahl für Ihr Kaufhaus in höchstem Masse unverständlich. Neben der Sendezentrale des MDR am Hallmarkt ist eine vor mehreren Jahren ausgehobene Baugrube vorhanden. Eine weitere zentral gelegene Brachfläche grenzt unmittelbar an das bestehende Kaufhof-Gebäude an.

An diesen Standorten wären durchaus zeitgemäße Architekturschöpfungen denkbar, denen bei einer ansprechenden Gestaltung sicher auch positive Resonanz bei Bürgern und Gästen der Stadt zuteil werden würde.

Die historischen Standorte von Rathaus und Ratswaage hingegen sollten für eine Wiedererrichtung ausschließlich dieser Bauwerke, die durch Krieg und menschlichen Unverstand vorübergehend verloren gegangen sind, reserviert bleiben.

Mit einem Verzicht auf die sowohl in ihrer Form als auch in ihrer Funktion unpassende Kaufhausarchitektur auf dem Ratswaage-Grundstueck könnten Sie einen aktiven Beitrag zu einer positiven Entwicklung der Stadt Halle leisten, die es im übrigen dringend vor einer Wiederholung jener städtebaulich-architektonischen Fehlleistungen zu bewahren gilt, die in den vergangenen Jahrzehnten das Bild westdeutscher Städte verunstaltet haben und die heute mit erheblichem materiellen Aufwand wieder beseitigt werden.

Ich bitte Sie, in Ihrem wohlverstandenen eigenen wie auch im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung der fast 1200 Jahre alten Stadt Halle Ihre bisherigen Vorstellungen zum KAUFHOF-Erweiterungsbau noch einmal zu überdenken. Gleichzeitig erlaube ich mir an Ihr Verständnis dafür zu appellieren, dass die in Deutschland viel zitierten „Blühenden Landschaften“ nicht nur einer wirtschaftlichen Basis bedürfen, sondern in besonderem Masse auch eine geistig-kulturelle Dimension berühren.

Hier könnte ein kleiner Schritt zurück einen großen Schritt nach vorn bedeuten, was wiederum für Sie nicht etwa mit einem Gesichtsverlust verbunden wäre, sondern ganz im Gegenteil mit einem beträchtlichen Imagegewinn.

Gern würde ich diese Fragen auch telefonisch oder – bei meiner nächsten Europa-Reise – im persönlichen Gespräch mit Ihnen erörtern.

 

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen

und in der Hoffnung auf Ihr kulturelles Verantwortungsbewusstsein

und Ihre geschäftliche Weitsicht,

 

Ihr

gez.

Günter Blobel

 

[Hervorhebungen durch Fettdruck: U. Schröder]